Lettre International 83 | Winter 2008 | Neue Ausgabe
Erstellt von hensel am Mittwoch 17. Dezember 2008
Lettre aktuell Nr. 4 / 2008
Lettre International Nr. 83 / Neue Ausgabe
Liebe Leserinnen und Leser!
Simsalabim! In Krisenzeiten heißt es zaubern, mit Verve und besinnlichen Gaben zur Weihnachtszeit. Doch Zaubern allein hilft nicht. Das erlauchte Publikum ist gefragt. Nur Ihre Abonnements besitzen die magische Kraft, uns krisenfest zu machen. Werden Sie zum Subskribenten unserer Schwarzkünste, wir zaubern für jedes neue Abonnement feine Delikatessen für Geist und Sinne. Musik und Bücher, Filme, Kunstkataloge und Edelsüßes sind in unserem Hut und hier versteckt.
Gezaubert wird auch in der neuen Nummer von Lettre. Das Titelbild zeigt eine verfremdete japanische No-Maske, eine Arbeit des Künstlers Dieter Appelt. Im Heft rhythmisieren seine diaphanen photographischen Notationen – eine Hommage an Andrej Tarkowskij – Reportagen und Gedankenspiele zu den USA nach Bush, zu Ursachen und Folgen des Finanzcrashs und zum Untergrund Osteuropas. Landschaftsporträts aus Australien beleuchten Erkundungen der Natur und Erkenntnisse zu den materiellen Grundlagen unseres Denkens. Stimmlagen der Imagination klingen an in einem Gespräch mit dem Nobelpreisträger J.M.G. Le Clézio, bei einer Nahverkehrsfahrt in den Wahnsinn, mit einer der stärksten poetischen Stimmen des Surrealismus sowie bei Artauds Beschäftigung mit dem Film. Tanz und Rotation werden zum Inbild einer nachfortschrittlichen Zyklomoderne. Henning Mankell sucht nach alten Schriften in Timbuktu, und in Südafrika werden wir Zeugen von großer Kultur und Menschlichkeit.
Ab heute liegt das zauberhafte Weihnachtsheft von Lettre International am Kiosk und im Buchhandel, an Bahnhöfen und Flughäfen oder ab Verlag (www.lettre.de) für Sie bereit. Greifen Sie zu, beschenken Sie sich und Ihre Freunde mit Abonnements und Prämien!
DER ERSCHÖPFTE LEVIATHAN
Die Kulissen fallen, konstatiert Göran Rosenberg nach seiner Reise durch die Vereinigten Staaten. Der schwedische Journalist schildert eine Gesellschaft in Angst, Glaube und Überheblichkeit, die mit den Herausforderungen der Umweltbelastung, der Bildungs- und Verkehrspolitik oder des Gesundheitssektors konfrontiert ist. Seine Expertise untersucht das Problem der Immigration und der befürchteten Überfremdung, das Verhältnis von Bürger und Staat, den Auserwähltheitsglauben, die allfällige Militarisierung und wirft einen Blick auf die mit Barack Obama verbundenen Hoffnungen.
In Good-Bye George W. nimmt Tom Engelhardt in einer Abrechnung mit der scheidenden Regierung der USA kein Blatt vor den Mund. “Sie waren vermutlich die katastrophalsten Traumtänzer, die rücksichtslosesten Spielernaturen und die schärfsten imperialen Abzocker und Geschäftemacher in der Geschichte unseres Landes.” Seine Bilanz: Bush hinterlässt einen kolossalen Scherbenhaufen, ohne selbst Schaden zu nehmen, und jetzt “muss der Rest von uns ran an die Besen und den Schweinestall wieder ausmisten.”
“Ich kam als Zwillingsbruder der Furcht zur Welt”, schrieb Thomas Hobbes angesichts des unruhigen 17. Jahrhunderts. Wie Hobbes seine politische Konzeption von “Shock and Awe”, von Ehrfurcht und Schrecken, entwickelte und welche Bedeutung das virtuose Spiel des Leviathans mit Religion und Gewalt für die heutige Weltlage hat, untersucht der italienische Kulturhistoriker Carlo Ginzburg in Welt der Leviathane.
Als Hoffnungszeichen sieht Slavoj Zizek den Sieg Obamas. Doch die eigentliche Schlacht dreht sich um die Frage, was dieser Sieg vor dem Hintergrund der Finanzkrise bedeutet. Ob diese als verborgener Segen funktionieren wird, als das ernüchternde Erwachen aus einem Traum, das uns die Realität des globalen Kapitalismus vor Augen führt. Entscheidend ist, ob wir der Erzählung von den zu korrigierenden Unzulänglichkeiten des Finanzsystems folgen oder auf der Frage beharren: Gibt es einen Fehler des Systems als solchem, der zum gegenwärtigen Zusammenbruch führte?
DER GROSSE CRASH
In Bangladesch gehen, weil die Stürme stärker und die Überflutungen unausweichlicher werden, ganze Landstriche unter; im arabischen Golf arbeiten junge Männer aus Bangladesch an künstlichen Inseln, die die Kontinente nachbilden. In Tahmima Anams wunderbarer Erzählung Die Welt retten erfahren drei Brüder aus dem Ganges-Delta die Widersprüchlichkeiten der globalisierten Welt buchstäblich am eigenen Leib.
Die Finanzkrise wird zu einem Paradigmenwechsel führen, meint Robert Wade. In seinem Essay Systembeben analysiert er den “Niedergang der Riesen”, die Ursachen der Krise und die Notfallpläne der Politik, die die Glaubwürdigkeit der neoliberalen Wirtschaftspolitik geschwächt haben. Es ist an der Zeit, das globalisierte Wirtschaftsmodell grundlegend zu überdenken, fordert der britische Ökonom.
Der Hoheitsanspruch des Staates über die Wirtschaft zieht sich als roter Faden durch alle ökonomischen Staatstheorien, kritisiert Peter Krieg. Sich auf die Ökonomen der “österreichischen Schule” berufend, polemisiert der Dokumentarfilmer und Publizist gegen keynesianische wie neo-liberale Lösungsansätze zur aktuellen Finanzkrise: Die Geldinjektionen des Staates produzieren gigantische Inflation, verschieben die Krise in die Zukunft und machen sie letztlich noch schlimmer: Krankes Geld.
Wie ein Wald in Abständen von Bränden heimgesucht wird, die sein gesundes Wachstum letztlich fördern, unterliegt auch die Wirtschaft natürlichen, krisen- wie wachstumsbedingten Schwankungen, stellt Sergio Benvenuto chaostheoretisch inspiriert fest und fordert einen “flexiblen Opportunismus” in der Auseinandersetzung mit der Realwirtschaft. Eine Metatheorie, die auf jede wirtschaftliche Situation anwendbar ist, könne es nicht geben, da das wirtschaftliche System keine Maschine sei, sondern geschichtlich begriffen werden müsse: Am kritischen Punkt.
PARALLELWELTEN
Während des Kalten Kriegs sind in Osteuropa Geheime Gesellschaften entstanden, die aus der Mangelwirtschaft eine florierende Schattenwirtschaft geschaffen haben. Mit Zähnen und Klauen verteidigen die Profiteure dieser Untergrundökonomie heute ihre auf Clanstrukturen und Korruption beruhenden Privilegien gegen den neuen real existierenden Kapitalismus. Mit welcher Gewalt Parallelgesellschaften bereit sind, ihre Positionen zu schützen, zeigte sich im Balkankrieg. Der ungarische Schriftsteller Péter Nádas wagt sich vor in die Dunkelzonen des vereinigten Europa.
DIE NATUR VERSTEHEN
Die Sundarbans sind ein riesiges Mangrovengebiet im Mündungsdelta des Ganges. Die Balance zwischen Mensch und Tier war hier stets fragil. Amitav Ghosh erzählt von Tigern und Dämonen, von der Göttin Bonbibi, von Legenden der Fischer, Jäger und Honigsammler, die durch die Kraft der literarischen Fiktion dazu beitragen, die Beziehung zwischen Mensch und Natur zu gestalten – und von westlichen Wildnismythen, die unter der Vorgabe des Naturschutzes diese Beziehung bedrohen können. Wildnisfiktionen
Wem gehört die Natur? Und für wen wird sie geschützt? fragt der französische Anthropologe Philippe Descola. Die internationale Umweltschutzpolitik setzt auf Nationalparks, Bioreservate und Naturschutzgebiete. Dabei geht sie von einer Naturauffassung aus, die sich während der Aufklärung in Europa herausgebildet hat, jedoch längst nicht von allen Kulturen der Welt geteilt wird. Will man die Biodiversität in ihrer Fülle erhalten, muss der Pluralität der unterschiedlichen Naturauffassungen Rechnung getragen werden.
Der Klimawandel und die “Verwüstung der Welt”, so die These des australischen Philosophen und Architekten Paul Carter, verdanken sich nicht nur der fehlenden Nachhaltigkeit menschlichen Handelns, sondern auch der Neigung des westlichen Denkens, alles Fließende, Feuchte als ungeformt und bedrohlich wahrzunehmen. Im Gegensatz dazu zeigt die Kultur der Aborigines, wie eine Lebensweise jenseits linearen Fortschrittsdenkens und damit einhergehender “Hydrophobie” funktionieren kann. Trockenes Denken.
Neueste Erkenntnisse der Bewusstseinsforschung stehen im Mittelpunkt von Israel Rosenfields Essay: Was uns denken lässt. Theorien und Entdeckungen der bedeutendsten Hirnforscher interpretieren die neuronalen Prozesse im Hinblick auf die Entstehung von Bedeutung, das Wesen der Erinnerung, auf Körperrepräsentation und Empathievermögen und geben einen Eindruck von den komplexen Interaktionen des Gehirns.
Salzgewinnung und Tagebau in Australiens Weiten: Wo mit immensem technischen Aufwand die Erdkruste großflächig aufgebrochen, umgewälzt oder aufgekratzt wird, entstehen phantastische Verfärbungen, Verwerfungen und Ausflüsse fast wie bei organischen Wunden. Die Gewalt und Größe solcher Verletzungen zu bannen, gelingt dem kanadischen Photokünstler Edward Burtynsky in Landschaftsaufnahmen von erhabener, malerischer Schönheit.
STIMMEN VON AUSSEN
Wie wird der Tiger zum Tiger? Was bedarf es im Leben eines Schriftstellers auf dem Weg zu sich selbst? Der Literaturnobelpreisträger J.M.G. Le Clézio spricht in Wundbrand über seine frühen Lektüren und seine abenteuerliche Familiengeschichte, über die Suche nach Perfektion und das Gefühl, unvollendet zu bleiben. Imagination erfährt er als etwas Invasives. “Es ist notwendig andere Stimmen zu hören, jene, die man nicht zu uns vordringen lässt, jene von Leuten, die man nicht hört.”
“Würde sie als dieselbe zurückkehren?” … So eröffnet der griechische Dichter Dimitris Dimitriadis seine Erzählung Transport und reißt den Leser mitten hinein in den Sog, in den Rausch des öffentlichen Verkehrs. Eine Frau geht aus dem Haus, reiht sich ein in den Strom der Fußgänger, und entfernt sich, auf den Bürgersteigen, in den Läden mehr und mehr von dem Treiben um sie herum, driftet, eingekreist von den Passanten, im Bus, von Kindern und Alten in den eigenen Wahnsinn – oder ist es der einer vermeintlichen Normalität?
“Er spuckt Funken auf die Nacht, Asche, Liebe, Blitze, zerbrochene Flügel, Hass, Sterne und Goldstücke, die sich entfernen. Er spuckt die Reueseufzer auf die Nacht. Er umfasst den Menschen im Atem des Schweigens und wirft ihn um. Er stößt ihm das Schweigen in die Kehle.” Poesie von Pierre Reverdy, dem hierzulande fast unbekannten französische Dichter und bedeutenden Zeitgenossen der Surrealisten.
Bernd Mattheus erforscht in Artauds Mind Cinema die theoretischen und praktischen Auseinandersetzungen Antonin Artauds mit dem Film – in seinen Eigenschaften als Schauspieler, Drehbuchautor, Kritiker und Visionär. Artaud, der in seinen Theater- und Filmkonzepten eine umfassende Bewusstseinsveränderung des Zuschauers intendierte, war abgestoßen vom Betrieb der kinematografischen Unterhaltungsindustrie und erklärte das kommerzielle Kino zum Todeskandidaten. Andererseits antizipierte er in seiner Imagination technische Neuerungen wie den iPod, als Digitalisierung noch ein Fremdwort war.
ROTATIONEN
Körpergeschichte, Technikgeschichte, Mediengeschichte und Ökonomie – überall begegnen wir heute der zentralen Figur der Drehung, der Schleifen und Kreisläufe. Die abendländischen Linearitäten, die aufklärerische Konzeption von Zeit und Raum haben ihre Plausibilität eingebüßt. Menschen, Gesellschaften und Automaten siedeln sich in nichtlinearen Wirklichkeiten von Informationszirkulationen und Schaltkreisen an. Ein neues Deutungsmodell der Gegenwart bietet sich an, das die Choreographie westlicher Gesellschaften als Zyklomoderne interpretiert. An den Entwicklungen von Tanz, Mechanik und Medien zeigt Volker Demuth in seinem großen Essay, wie das “Kreisen” zur dominierenden Semantik wird, eine Rotation allerdings, die heiß zu laufen droht.
SCHWARZER KONTINENT
Antjie Krog führt uns in den Kosmos des afrikanischen Denkens. Die südafrikanische Dichterin berichtet von der Verortung des Selbst in den afrikanischen Gemeinschaften und von den ethischen Einsichten, wie sie Volkserzählungen vermitteln. Die Ethik des ubuntu, der “Mitmenschlichkeit” und Fürsorge, birgt für sie ein kosmopolitisches Konzept, das sich anzueignen auch dem Westen angeraten sei: Afrikas Menschlichkeit.
Die in den Bibliotheken Timbuktus verwahrten jahrhundertealten Schriftstücke zeugen von einer langen Tradition der Wissensüberlieferung und widerlegen den Mythos eines schriftlosen Afrikas. Henning Mankell nimmt uns mit auf seine Reise in die Stadt am Niger und erinnert an den einstigen kulturellen Reichtum des schwarzen Kontinents, der durch den Kolonialismus zerstört wurde. Ein Plädoyer des Kriminalautors für die Rückeroberung der vorkolonialen Geschichte Afrikas: Timbuktu
BRIEFE · KOMMENTARE · KORRESPONDENZEN
Steve Fraser exorziert das Gespenst der Wall Street; Antonio José Ponte berichtete über die Lage der Kultur in Kuba im fünfzigsten Jahr der Revolution – Angst und Institutionen; Georges Nivat porträtiert in Rad der Zeiten Dobrica Cosic, den großserbischen Schriftsteller, der das Scheitern seines politischen Traumes verarbeitet. Korrespondenzen kommen von Ivaylo Ditchev über die Stoßwellen der Finanzkrise an der Peripherie und von Michail Ryklin über die Regenmacher in Russland.
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